Ungeschminkt: Wahre Schönheit kommt von innen

Ungeschminkt zeigt man seine wahre Schönheit. Du brauchst keine Schminke.“ Das waren die Worte meiner Mutter, als sie mich das erste Mal im Badezimmer vor dem Spiegel „schminken“ sah. Naja, schminken kann ich es nicht nennen. Es war eher ein Bemalen meiner Wimpern und Augenlider, meines Mundes und meiner Wangen mit Wimperntusche, Kayal, Puder und Lipgloss.

Selbstwertgefühl stärken durch Kosmetik – Ist das der richtige Weg?

Ich war damals ungefähr 12 Jahre alt und ignorierte gekonnt die Worte meiner Mutter. Schließlich schminkten sich alle Mädchen aus meinem Lehrgang. Ich fand, ich müsse endlich auch damit anfangen, damit sich die Jungs nach mir umsehen würden. Ich hoffte, dass sie mir dann Beachtung schenken würden, wenn ich geschminkt in die Schule gehen würde und so aussah wie alle anderen Mädchen aus meiner Klasse auch. Dann würde ich mehr wahrgenommen werden, würde endlich aus der Menge herausstechen und die anderen Mitschüler würden mich cool finden. Ich wäre dann wie jedes „normale“ andere Mädchen in meinem Alter auch.

Zudem glaubte ich, dass ich ohne Schminke vielleicht zu ungepflegt aussah. Vielleicht ekelten sich die anderen Mitschüler vor mir, weil ich ohne Schminke so aussah, als würde ich meinem Körper keine Beachtung schenken. Ich bildete mir ein, dass sei auch der Grund, weshalb ich noch keinen festen Freund hatte.

Außerdem wurde ich auch oft von anderen Schülern als „Bleichgesicht“ beschimpft, weil ich einen sehr blassen Hautton habe. Ich glaubte damals, dass, wenn ich mich schminken und mir Make up auflegen würde, würde ich nicht mehr gehänselt werden.

Mein Bruder hatte die damalige Situation mitbekommen und – neugierig wie er mit seinen 9 Jahren war – hatte er sich das Spektakel im Badezimmer ansehen müssen. Ich kann mich noch genau an seinen skeptischen und angeekelten Gesichtsausdruck erinnern und daran wie er zu mir sagte: „Lea, du siehst mit Schminke so hässlich aus.“

Weder meine Mutter noch mein Bruder hatten mir ein Kompliment zu meinem „Geschminke“ gemacht. Enttäuscht blickte ich mein Spiegelbild an. Hatten die beide Recht? Sah ich mit Schminke hässlich aus?

Ich ließ die Schminke den restlichen Tag in meinem Gesicht, fühlte mich aber sichtlich unwohl damit, nachdem ich die ungefragten Meinungen meiner Mutter und meines Bruders gehört hatte. Ich hoffte, ich sah nicht aus wie ein Clown. Am Abend schminkte ich mich ab und wusste im selben Moment, am morgigen Tag würde ich geschminkt nicht in die Schule gehen. Aus Angst, die anderen Schüler würden die Meinungen meiner Mutter und meines Bruders teilen.

Ungeschminkt schön: Den Mann meines Herzens bin ich ohne Schminke begegnet

In meiner kompletten Schulzeit bin ich keinen einzigen Tag geschminkt in die Schule gegangen. Zum einem machte mir das Schminken keinen Spaß. Ab und an hatte ich mich geschminkt, wenn ich donnerstags das Jugendorchester besucht hatte. Meistens aus Langeweile, aber auch das ließ ich irgendwann bleiben, denn ich merkte, dass ich keine Übung hatte. Den Lidschatten malte ich mir zu dick auf, das Make-up trug ich zu ungleichmäßig auf. Ich hätte mich viel mehr mit der Schminkerei beschäftigen müssen: Youtube-Videos anschauen, um mir Tipps geben zu lassen, wie ich meine Fehler das nächste Mal vermeiden konnte. Mit Farben experimentieren, um zu wissen, welche mir am besten steht. Aber das war mir zu zeitaufwendig. Nicht wichtig genug. Lieber spielte ich Klavier und schrieb an meinen Geschichten.

Zum anderen versuchte ich meiner Mutter den Glauben zu schenken, dass ich keine Schminke brauchte, um schön zu sein. Ihr den Glauben zu schenken, fiel mir nicht immer leicht, denn es gab Momente, in denen ich daran zweifelte. Wie konnte ich schön sein, wenn mich die anderen Schüler „Bleichgesicht“ nannten? Wie konnte ich schön sein, wenn mir kein Junge Beachtung schenkte? Auch fühlte ich mich bei den Mädchen manchmal ausgeschlossen, weil ich wirklich einer der wenigen Mädchen war (oder vielleicht sogar das einzige?), welches sich nicht schminkte. Ich konnte bei diesem Thema nicht mitsprechen konnte, und fragte mich oft, ob es vielleicht falsch war, sich nicht zu schminken.

Doch es gab auch Momente, in denen ich stolz darauf war, keine Schminke zu tragen. Viele meiner Freundinnen trauten sich nicht ohne Schminke aus dem Haus, weil sie sich ungeschminkt nicht hübsch genug fanden. Sie hatten Selbstzweifel, kein Selbstvertrauen und gaben zu viel auf die Meinung von anderen Menschen. Solche Ängste kannte ich nicht, denn ich war es nicht anders gewohnt, als ungeschminkt aus dem Haus zu gehen. Daher fiel es mir manchmal schwer, diese Ängste nachzuvollziehen. Ich sagte zu meinen Freundinnen immer, sie bräuchten keine Schminke. Sie sähen auch ohne Schminke wunderschön aus, aber keine schenkte mir Glauben. In solchen Momenten war ich froh, dass ich mich so akzeptierte wie ich war – und das ganz ohne Schminke. Es bestärkte mich in meinem Tun und Handeln.

Als ich meinen Mann mit 18 Jahren auf einer Dorfparty kennenlernte, wurde ich meine letzten Zweifel los, die ich hatte: Ich war meinem Mann immer ungeschminkt begegnet und er hatte sich trotzdem in mich verliebt. Ich wurde von ihm wahrgenommen und begehrt. Meine Mutter hatte Recht: Ich brauchte tatsächlich keine Schminke, um schön zu sein.

In meinem Buch „Löffle dein Leben“ schildere ich im Detail die Begegnung zwischen mir und meinem Mann.

Zudem bestätigte mein Mann die Aussage meiner Mama und meines Bruders. Als ich mich eines Tages für eine Hochzeit, auf der wir beide eingeladen waren, geschminkt hatte, sagte er zu mir: „Was hast du denn für einen Kleister im Gesicht?“

Enttäuscht hatte ich ihn angesehen und er hatte mir daraufhin erklärt: „Ich liebe dich gerade dafür, dass du keine Schminke im Gesicht hast. Ansonsten hätte ich mir eine andere x-beliebige Schmink-Tussi suchen können, denn davon gibt es viele.“

Glücklich sein: Liebe dich so wie du bist

Gehen wir ohne Schminke aus dem Haus, fühlen wir uns, als hätten wir keine Kleidung an. Wir fühlen uns nackt und haben Angst davor, den anderen Menschen zu zeigen, wer wir wirklich sind, denn die Mode gibt uns vor, wir Frauen seien nur schön, wenn wir lange, schwarze Wimpern, dunkelbraune Augenbrauen, gebräunte Haut und rote, dicke Lippen haben. Und leider möchten wir immer mit der Mode gehen. Wir möchten dem Ideal entsprechen. Und Kosmetik kann uns dabei helfen, dem Ideal zu entsprechen. Aber sehen wir dann nicht alle irgendwie gleich aus? Was macht uns dann noch besonders?

Und was hat die Geschichte aus meiner Jugend mit meiner Löffelliste oder mit meiner Schriftstellertätigkeit zu tun? Es geht um das Thema Glücklichsein. Um ein glückliches Leben zu führen, gehört für mich nicht nur die Verwirklichung meiner Lebensziele, sondern mich auch so zu lieben wie ich bin. Mit jedem Pickel, jedem Muttermal, jedem Leberfleck, jeder Falte, jedem Beinhärchen und jeder einzelnen Pore. Ganz ohne Schminke.

Ich bin meiner Mutter, meinem Bruder und meinem Mann unendlich dankbar, dass sie mir immer das Gefühl vermittelt haben, dass ich auch ohne Schminke schön bin. Sie haben mir geholfen, mich so zu akzeptieren wie ich bin und mein Selbstbewusstsein gestärkt. Mittlerweile habe ich sogar mein komplettes Schminkzeug in den Müll geworfen. Ich gebe meiner Familie Recht: Ich brauche keine Schminke, um schön zu sein.

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